Wo liegen die Grenzen zwischen Psychotherapie und Coaching?

Im Leben eines jeden Menschen gibt es Phasen, in denen unvorhergesehene Ereignisse ihn ins Straucheln bringen und aus der Bahn werfen. Verluste, Schicksalsschläge, schlimme Krankheitsdiagnosen oder persönliche Tiefschläge sind nur ein paar davon, und hinterlassen Stressspuren, sogenannte stress imprintings im Nervensystem.

Jeder Mensch ist dafür von Natur aus mit Fähigkeiten der Selbstregulierung ausgestattet und hat einen individuellen Toleranzbereich, innerhalb dessen er diese stress imprintings verarbeiten kann. Diese Regulierungsfähigkeiten sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängen auch von der Intensität der jeweiligen Erfahrung und der Gesamtkonstitution zum Zeitpunkt des stress imprintings ab. Sind wir zum Beispiel ohnehin schon nervlich am Limit, wenn uns eine Hiobsbotschaft erreicht, können wir uns nicht mehr so gut abfangen als wenn wir vorher völlig ausgeglichen gewesen wären.

Die Therapieforschung hat herausgefunden, dass selbst sehr schwere Erlebnisse nach einer gewissen Zeit meist gut überwunden werden und in ca. 80% der Fälle kein Trauma zurück bleibt. Das Erlebte ist einem noch in Erinnerung, strahlt aber nicht mehr negativ in die Gegenwart hinein. Die Emotionen von damals, vielleicht Angst, Schock, Enttäuschung oder Wut, sind verarbeitet, nicht mehr aktiv. Sie sind zu einer neutralen Information geworden.

Doch es kommt auch zu Belastungssituationen, die einen Menschen noch lange Zeit beschäftigen und verfolgen, selbst wenn sie schon lange vorbei sind. Das passiert selbst den gesündesten und widerstandsfähigsten Menschen. Wir können uns nicht mit dem Verstand aussuchen, was in uns nachwirkt und wie massiv – es passiert einfach.

Die persönliche Grenze

Was nun, wenn ein Mensch von einem Ereignis wirklich tief getroffen wird, wenn davon etwas derart „hängen bleibt“, dass er oder sie mit den natürlichen Regulierungsmechanismen einfach nicht darüber hinwegkommt? Das kann ein einzelnes Ereignis gewesen sein oder wiederkehrende Belastungen. Und manchmal erinnern wir uns gar nicht mehr, was für Ereignisse tief im Innern unbewusst noch in uns wirken.

Was, wenn diese Spuren noch so mächtig sind, dass sie das Wohlbefinden und den Handlungsspielraum stark beeinträchtigen? Wenn sich ein Trauma gebildet hat, das Betroffene quält und es ihnen unmöglich macht einem normalen, geregelten Alltag nachzugehen?

Wenn Menschen sich dann entscheiden, sich Unterstützung zu holen, dann stellt sich die Frage: Wobei kann ein Coaching helfen und wann ist es eher angebracht, eine Therapie zu beginnen?

Zwischen den beiden Formen bestehen wichtige Unterschiede und auch rechtlich relevante Abgrenzungen, und hier möchte ich ein paar der wichtigsten Punkte nennen.

Im Coaching

  • Es werden Themen aus Berufs- und Privatleben bearbeitet, die der Klient oder die Klientin freiwillig wählt, aus dem Wunsch heraus sich weiter zu entwickeln und die Lebensqualität oder Leistungsfähigkeit im jeweiligen Bereich zu verbessern. Das können durchaus intensive, belastende Themen sein.
  • Der Klient oder die Klientin ist stabil und psychisch normal belastbar.
  • Coaching arbeitet eher gegenwartsbezogen oder zukunftsorientiert auf Lösungen und neue Perspektiven hin. Es wird nur im Bedarfsfall und ganz gezielt in der Vergangenheit nach Ursachen geforscht.
  • Es werden keine Diagnosen gestellt, keine Krankheiten oder Krankheitssymptome behandelt.
  • Krankenkassen kommen in der Regel nicht für die Kosten auf, die Sitzungen werden selbst bezahlt. Sie können allerdings bei beruflichen Themen mit etwas Glück über die Einkommenssteuer geltend gemacht werden.
  • Ein Coaching-Prozess besteht meist aus mehreren Sitzungen, ist aber immer zeitlich begrenzt. Das Anliegen des Coachs ist, dass der oder die KlientIn den Rahmen für eigene Lösungen, Erkenntnisse und Entwicklungen erhält und das selbstgewählte Ziel aus eigener Kraft erreicht.
  • Coach und KlientIn bestimmen gemeinsam den Inhalt und Ablauf, arbeiten auf Augenhöhe zusammen.

Beispiele für Coaching-Inhalte

Kränkungen, innere wie auch zwischenmenschliche Konflikte, Trennungen, Niederlagen, Misserfolge, finanzielle Durststrecken, Unfälle oder stressende Erfahrungen, wie z. B. ein turbulenter Flug („Mini-Trauma“, also im nicht-krankhaften Sinne), Schlafstörungen aufgrund von Stressbelastung, Vorbeugung von Burn-out und Bore-out, Schwierigkeiten mit Selbstmotivation, starkes Lampenfieber vor Reden oder Auftritten, oder Prüfungsangst bis hin zum völligen Vergessen des Gelernten in der Prüfungssituation (sog. Blackout).

Du merkst schon, hier gibt es Blockaden und Probleme, die durchaus echt nerven und einem das Leben schwer machen können, für die man aber noch nicht zum Therapeuten muss.

Zur Erinnerung: So etwas kann jedem passieren. Das hat unter anderem mit den angeborenen Überlebensmechanismen und Lernprozessen zu tun.

Auch bei der Auflösung von Heißhungerattacken und übermäßigem Genuss kann Coaching helfen, z. B. mit emotionaler Entzauberung von Genussverführern wie Chips, Süßigkeiten usw. oder bei übermäßigem Kaufen von Schuhen oder Büchern. Auch Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen, sind hier richtig, denn das fällt noch nicht in die Kategorie stoffgebundene Sucht, wie bei Alkohol und Drogen.

In der Psychotherapie:

  • Es werden psychische Störungen von Krankheitswert und psychosomatische Leiden behandelt, weil sie das Leben der Betroffenen stark erschweren, oder diese den Alltag innerhalb ihres sozialen Netzes nicht aufrechterhalten können.
  • Auslöser können die gleichen Themen sein wie beim Coaching, nur dass sie sich viel heftiger und gegebenenfalls in Form von Erkrankungen auswirken.
  • Die normale psychische Belastbarkeit ist nicht mehr gegeben.
  • Die Kostenübernahme erfolgt meistens durch die Krankenkasse.
  • Inhaltlich liegt das Augenmerk eher auf der Analyse der Ursachen und deren Aufarbeitung, ist also meist eher vergangenheitsbezogen bis in die Gegenwart.
  • Es werden viele Sitzungen über einen längeren Zeitraum hinweg angesetzt, um den Therapieerfolg zu überwachen und zu stabilisieren, möglichst bis die Symptome verschwunden oder zumindest handhabbar sind.
  • Die TherapeutInnen bestimmen die Abläufe des Prozesses und haben eher die Führungsrolle inne, damit traumatische und stark belastende Inhalte aufgearbeitet werden können.

Bei den Berufsbildern ist zwischen ärtzlichem Psychotherapeuten, Psychiater und psychologischem Psychotherapeuten zu unterscheiden. Ärtzlicher Psychotherapeut wird man nach absolviertem Medizinstudium und einer Zusatzausbildung zum Psychotherapeuten. Psychiater sind Mediziner, die eine 5-jährige Facharztausbildung abgeschlossen haben. Diese Berufsgruppe beschäftigt sich in der Praxis hauptsächlich mit der medikamentösen Behandlung (Pharmakologie).

Ein psychologischer Psychotherapeut hat zuerst Psychologie studiert und im Anschluss eine 3 – 5-jährige Weiterbildung in einem sozialrechtlich anerkannten Therapieverfahren bestanden.

Auch eine Rolle spielen Heilpraktiker für Psychotherapie, sie haben eine Art Zwischenposition in Abgrenzung zu Coaches inne. Die Ausbildung legt großen Schwerpunkt auf die Erkennung und Behandlung psychischer Störungen und Krankheitsbilder. Die Berufsbezeichnung darf nur führen, wer die Ausbildung absolviert und eine Prüfung beim Gesundheitsamt abgelegt hat.

Heilpraktiker für Psychotherapie haben dadurch in Sachen psychische Krankheiten mehr Kompetenzen und Befugnisse als Coaches, haben jedoch auch immer eine Diagnose zu stellen.

Therapie ist angesagt bei

Depressionen, Zwängen, Angstzustände, Panikattacken, Süchten wie Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht, Verhaltensstörungen wie Aggressionszustände, Traumata, z. B. nach sexuellem Missbrauch oder Gewalterfahrungen, insgesamt bei allen katalogisierten psychischen Krankheiten nach ICD-10 (das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin).

Ein junger Mann, der nach einem Überfall am Arbeitsplatz an der Tankstelle, bei dem sein Leben bedroht wurde, Panikattacken entwickelt hat und sich nicht mehr bewegen kann sobald er versucht öffentliche Plätze zu betreten, sollte sich in Therapie begeben. Denn das schränkt seine Bewegungsfreiheit und seinen Alltag enorm ein.

Eine Musikerin, die jahrelang immer locker und gelöst ihre Auftritte spielt und während einer stressigen Tour auf einmal starkes Lampenfieber bekommt, bei dem sie vor den Auftritten Schweißausbrüche hat und während des Konzerts teilweise Liedabläufe und Texte vergisst, kann zwar irgendwie noch auftreten, aber nicht ihre Performance abrufen und ihr beruflicher Erfolg leidet. Solcher Leistungsstress wäre ein passender Fall für Emotionscoaching.

Was Coaching und Psychotherapie gemeinsam haben:

  • Die Menschen, die Coaches oder TherapeutInnen aufsuchen lernen sich selbst tiefer kennen und verstehen, wie ihre Probleme entstanden sind.
  • Sie lernen über ihre Schwierigkeiten zu sprechen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
  • Voraussetzung für den Erfolg ist eine gute Wellenlänge und vertrauensvolle Allianz zwischen den beiden Parteien.
  • Für Coach und TherapeutIn besteht Schweigepflicht über die Gesprächsinhalte.

Gibt es Überschneidungen?

Es gibt sicherlich eine Grauzone, in der es darauf ankommt, wo man als Betroffener landet und ob man selbst glaubt, dass man psychisch krank ist oder nicht. Denn danach richtet sich, an wen man sich wendet. Falsch machen kann man eigentlich nichts, wenn man sich Unterstützung holt.

TherapeutInnen werden niemanden wegschicken, wenn er oder sie nicht zu den Härtefällen gehört, und die Probleme nicht die meisten typischen Anzeichen einer Krankheit erfüllen. Wenn man sich zum Therapeuten begibt, weil man das Gefühl hat Hilfe zu brauchen, ist der Weg sicher richtig. Allerdings ist es oft schwierig und langwierig, einen Therapieplatz zu bekommen, und dann muss ja auch die Chemie zwischen Therapeut und Patient stimmen.

Coaches ohne therapeutische Zulassung dürfen keine psychischen Krankheiten und Traumata behandeln, das würde Sorgfaltspflicht und Berufsethos des Coaches verletzen. Selbst wenn der Klient nicht glaubt, psychisch krank zu sein, hier geht es dann nicht mehr um subjektives Empfinden.

Sind die Hilfesuchenden stabil, muss der Coach sie nicht ablehnen, es ist dann nur wichtig, nicht ein Trauma anzutriggern, sondern ausschließlich ressourcenorientiert zu arbeiten, also mit positiven Erlebnissen, Fokus auf die eigenen Stärken und Fähigkeiten.

Normalerweise sehen Coaches ihre KundInnen nicht so sehr durch die Symptombrille.

Es ist trotzdem sinnvoll, dass Coaches sich mit Aspekten psychischer Krankheiten und Traumatisierung beschäftigen, um gewisse Anzeichen zu erkennen, im Zweifelsfall abzuklären und KlientInnen weiterverweisen.

Ein gutes Coaching kann eine Psychotherapie wunderbar ergänzen, in Abstimmung zwischen Coach und TherapeutIn. Das kann die Aufarbeitung von Therapiethemen sehr positiv unterstützen und beschleunigen.

Coaching kann auch vorbeugend Probleme und Blockaden bearbeiten, die sich später zu etwas Ernsterem entwickeln können, wenn sie verdrängt werden. Eine Burn-Out Prävention, rechtzeitig angesetzt, kann beispielsweise das Risiko mindern, dass ein Mensch irgendwann zusammenbricht und es ohne Therapie nicht mehr geht. Denn unverarbeitete stress imprintings können sich stapeln und irgendwann die Grenze des Verkraftbaren überschreiten. Dann braucht es nur einen Tropfen, um das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen zu bringen.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Berufsfelder Coach, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychotherapeut wichtig sind und wertvolle Arbeit leisten, nur eben für verschiedene Zielgruppen mit ein wenig Schnittmenge, und eben von Coaching Richtung Therapie mit wichtigen Grenzen.

Wie ist es mit Coaching, wenn ich früher mal in Therapie war?

Wenn du eine Vorgeschichte mit Therapie hast, diese aber abgeschlossen ist und du inzwischen wieder ganz gut im Leben stehst, spricht nichts dagegen ein Coaching in Anspruch zu nehmen. Es kann unterstützen, um das Gesamtbefinden zu stärken und das Grundstresslevel zu senken. Stress und emotionale Erschöpfung gehören zu den Hauptrisikofaktoren, beispielsweise für Depressionen und viele weitere Krankheiten.

Man kann damit ebenfalls das Risiko eines Rückfalls senken, und ich sage bewusst senken und nicht „ein Rückfall kann vermieden werden“, denn ich will Coaching nicht als Allheilmittel darstellen, auch wenn es sehr tiefgreifend und lebensverändernd wirken kann.

Ich hoffe ich konnte damit ein ungefähres Bild vermitteln, was mit Coaching alles möglich ist und ab wann es sinnvoll ist über eine Therapie nachzudenken.

Hinweis:

Im Rahmen dieses Artikels können nicht alle Einzelheiten berücksichtigt werden. Bei ernsten Problemen, die schon länger als 3 Monate bestehen und im Verlauf schlimmer werden, nimm dich bitte ernst und hole dir therapeutische Unterstützung.

Alles Liebe und sorge gut für dich!
Deine Silvia

[Photo credits to Stux on Pixabay]

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